Yoga und Kampfkunst: Fußstellung in Standpositionen

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Die meisten stehenden Asanas lassen sich hinsichtlich der Fußstellung auf vier Grundstellungen zurückführen, die in den Kampfkünsten ebenso gängig sind. Dort haben sie aber eine besondere Bedeutung.

In der Kampfkunst ist jede Stellung in einen Kontext eingebettet, typischerweise in eine Angriffs- oder Verteidigungssituation. So ist die im Yoga als Krieger I bekannte Haltung beispielsweise eine nach vorn gerichtete aktive Stellung, während der Krieger II seitlich steht und damit defensiv orientiert ist.

Jede Stellung hat Eigenschaften, die aus der Fuß- und Hüftstellung, der Schrittlänge und Gewichtsverteilung resultieren. So bestimmt die Fuß- und Hüftstellung die Ausrichtung nach vorn (jp. „mae”, 前) oder seitlich (jp. „yoko”, 横). Die Schrittlänge beeinflusst den Schwerpunkt.

Daraus ergeben sich hohe, mittlere und tiefe Stellungen mit ihren jeweiligen Vor- und Nachteilen.

Eine hohe Stellung, mit eher gestreckten Beinen, ist flexibler; eine tiefe Stellung hingegen, mit gebeugten Beinen, ist stabiler.

Die Gewichtsverteilung legt fest, welches das Stand- bzw. Spielbein ist und am ehesten bewegt werden kann. Daraus folgt unter anderem, ob es sich um eine offensive oder defensive Haltung handelt.

Wenn wir nun einige Asanas identifizieren, die sich mit Stellungen aus der Kampfkunst decken, können wir aus dem Charakter der jeweiligen Stellung Ausrichtungsprinzipien (jp. Genri, 原理) für unsere Yogapraxis ableiten.

Stand- bzw. Stellungstechniken

Stand- bzw. Stellungstechniken heißen im Karate und Aikido „tachiwaza” (jp. 立ち技). Das Wort „tachi” kann ein Langschwert bezeichnen (jp. 太刀) oder „stehend” bzw. „im Stand” bedeuten (jp. 立ち). Der Begriff „waza” meint Technik im Sinne von Fähigkeit oder Kunstfertigkeit.

Bei der Begriffsbildung wird dem „tachi” eine Bezeichnung vorangestellt, wodurch es zu „dachi” wird. So ist „Zenkutsu-dachi” (jp. 前屈立) beispielsweise die Vorwärtsstellung (zen = vorn, kutsu = gebeugt, tachi = Stand).

Die zahlreichen Stellungstechniken werden in Grundstellungen (jp. 自然体) und Kampfstellungen (jp. 組手立ち) unterschieden. Dabei sind die Grundstellungen eher natürliche Bereitschaftshaltungen.

Bei den Kampfstellungen ist das anders. Diese müssen für akute Bedrohungen geeignet sein. Da ist es doch interessant, dass ausgerechnet die friedlichen Asanas Krieger I und Krieger II zu den Kampfstellungen gehören!

 

Grundstellungen

Aber beginnen wir mit einer Grundstellung, dem neutralen Stand (sk. Tāḍāsana). Eine – mit hohem Schwerpunkt – wenig stabile, aber sehr flexible Stellung. Die Füße sind geschlossen und stehen parallel nebeneinander, dies wird als „Heisoku-dachi” (jp. 閉足立, dt. geschlossene Parallelstellung) bezeichnet.
Heisoku-dachi ist eine beliebte Stellung zum Beginn oder Ende einer Kata (jp. 形 oder 型), einer Übungsform ähnlich einem Vinyasa, mit mehreren Einzelpositionen – so wie der Sonnengruss, der auch mit Tāḍāsana beginnt und endet.
Tadasana
Stand (sk. Tāḍāsana, Samāsthiti) / Heisoku-dachi

Kampfstellungen

Krieger I

Die hüftweite Fußposition des Krieger I (sk. Vīrabhadra Āsana I), mit gebeugtem vorderen Knie, ähnelt dem „Zenkutsu-dachi”, der Vorwärtsstellung. Mit Blick auf den Fußabstand wird diese Stellung im Englischen auch als „wide stance” bezeichnet.

Die Gewichtsverteilung ist ziemlich ausgeglichen, mit Tendenz auf dem vorderen Bein. Das unterstreicht den statischen Charakter dieser Haltung.

Krieger I (sk. Vīrabhadra Āsana I) / Zenkutsu-dachi

Obwohl es auch in den Kampfkünsten Varianten von dieser Haltung gibt, ist allen gemein, dass die hintere Ferse am Boden bleibt. Das fällt vielen YogiNis schwer, weil gleichzeitig die Hüfte bzw. das Becken, nach vorn ausgerichtet bleiben soll. So wird meist die Ferse angehoben, auch wenn der Stand dadurch weniger stabil wird.

Eine andere Option ist eine leichte Außenrotation des hinteren Beins, sodass der Fuß etwa 30-45° ausgedreht werden kann, um die Ferse zum Boden zu bringen.

So ist es im Ashtanga üblich. Die Hüfte ist dabei leicht geöffnet, also nicht mehr ganz frontal nach vorn ausgerichtet. Das kann nützlich sein. So wird beim Punch – einer Geraden mit der Schlaghand – auf dem hinteren Fußballen gedreht und so Hüfte (jp. Koshi, 腰) und Schulter (jp. Kata, 肩) nach vorn gebracht. Das gibt extra Power und macht diese Box-Technik besonders wirkungsvoll.

Im Aikido heißt diese Stellung „Kamae” (jp .構え), was so viel bedeutet wie „natürliche Stellung”. Es ist eine aufrechte Bereitschaftsstellung. Sie umfasst auch die innere Haltung und kann deeskalierend wirken, weil sie nicht aggressiv ist, gleichzeitig aber Handlungsbereitschaft und Aufmerksamkeit signalisiert. Kamae ist insofern mehr als eine Fußstellung und unterscheidet sich in den verschiedenen Kampfkünsten.

Mitunter wird die Hüfte in Kamae so weit geöffnet, dass die hintere Ferse auf der Linie zum vorderen Fuß steht oder diese sogar kreuzt. Die Fußposition ist also gar nicht so entscheidend – eher die gesamte Haltung und die daraus resultierende Präsenz. Wenn die Präsenz weder aggressiv ist noch Lücken in der Deckung erkennen lässt, verwirft ein Angreifer vielleicht seine Pläne, bevor es zu einer Auseinandersetzung kommt.

 

Krieger II

Im Krieger II (sk. Vīrabhadra Āsana II) stehen der vordere Fuß und die hintere Ferse in einer Linie; im Englischen als „line stance” bezeichnet.
Dafür muss das hintere Bein außenrotiert und die Hüfte geöffnet sein. Diese Position ähnelt „Kokutsu-dachi” (jp. 後屈立), der Rückwärtsstellung – eine tiefe, seitliche, recht stabile und eher defensive Haltung.
Die Schrittlänge ist ähnlich wie beim Krieger I. Deshalb fällt auch der Wechsel zwischen diesen beiden Position leicht: Das vordere Bein bleibt gebeugt und die Bewegung wird in der hinteren Hüfte initiiert.

Im Krieger II liegen 60-70% des Gewichts auf dem vorderen Bein. Das ist in Kokutsu-dachi umgekehrt, weshalb hier das hintere Bein gebeugt ist. Das unterstreicht den rückwärts gerichteten, defensiven Charakter dieser Haltung.

Krieger II (sk. Vīrabhadra Āsana II) / Kokutsu-dachi

Auch für die Fußstellung gibt es im Aikido einen eigenen Namen – selbst wenn hier das hintere Bein nicht gestreckt ist: „Hanmi” (jp. 半身), zusammengesetzt aus „han” = halb und „mi” = Körper – weil der Körper von vorn nur halb zu sehen ist.
Wenn die Flanke nach vorn zeigt, sind die Organe geschützter als bei der frontalen Stellung. Der Oberkörper ist also seitlich verdreht, nur nicht vollständig seitlich wie das im Krieger II der Fall ist.
Grätsche

Höhe und Schrittlänge sind auch in der Grätsche ähnlich wie in den Kriegerpositionen, nur sind beide Beine gebeugt und die Füße stehen parallel nebeneinander. Im Yoga ist die Grätsche meist mit einer Vorbeuge verbunden, wie bei „Prasārita Pādottān Āsana”.

Die Fußstellung entspricht „Kiba-dachi” (jp. 騎馬立), der Reiterstellung. Von dieser Stellung gibt es eine als „Shiko-dachi” (jp. 四股立) bezeichnete Variante, mit leicht außenrotierten Beinen.

Hier zeigen auch die Füße nach außen, was das Beugen der Knie erleichtert. Die Gewichtsverteilung ist in dieser Stellung 50/50, der Schwerpunkt ist tief. Eine recht stabile Position. Allerdings lassen die auf gleicher Höhe stehenden Füße bei geradem Rücken nicht viel Kraftwirkung nach vorne zu. Dies wird aber durch die Beckenkippung kompensiert, ohne dass der Po zu weit nach hinten geschoben wird.

Grätsche (sk. Prasārita Pādottān Āsana) / Kiba-dachi / Shiko-dachi

Richtig und falsch

Oft sind wir uns bei Asanas nicht sicher. Wer hat Recht, wenn es um die Ausrichtung geht? Da gibt es viele Meinungen zur richtigen Fuß- und Hüftstellung. Solange wir Asanas isoliert betrachten, wird die Unsicherheit bleiben.

Sobald wir Asanas aber in einen Kontext bringen – und die Kampfkunst kann so einen Kontext liefern – wird deutlich, welcher Fokus, welche Ausrichtung oder welche Variante Sinn macht.

Wer genau hinspürt, kann eine ähnliche Orientierung auch im Vinyasa finden, denn ein Vinyasa wird – ebenso wie eine Kata – genau dann geschmeidig, wenn die Übergänge mit dem geringsten Aufwand verbunden, also effizient sind. Dann wird der Charakter einer Asana von ihrem Umfeld, nämlich der vorherigen und nächsten Asana, bestimmt. Zwangsläufig sieht dieselbe Asana nicht immer gleich aus – sie variiert mit ihrem Kontext.

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