Yoga und Kampfkunst: Yin und yang, innere und äußere Kampfkünste

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„Yoga und Kampfkunst? Das ist ja ungewöhnlich!”

Solche Kommentare höre ich häufiger, wenn sich YogiNis nach meinem Hintergrund als Yogalehrer erkundigen oder wissen wollen was YogaKido ist.
Dabei haben Yoga und Kampfkunst mehr gemein, als die meisten denken.

Der Ursprung der Kampfkunst (jp. Budō, 武道) reicht bis ins Jahr 496 n. Chr. zurück. Einer Legende nach soll ausgerechnet ein indischer Mönch namens Bodhidharma die Grundlagen der Kampfkunst im gerade in Zentralchina errichteten Shaolin-Kloster gelehrt haben.

Diese als Shaolin Kung Fu (cn. 少林功夫) bezeichneten Grundlagen basierten zunächst auf Atem- und Bewegungsmeditation und wurden erst im Laufe der Zeit zu Bewegungstechniken weiterentwickelt, mit denen Kämpfer ihre Fähigkeiten verbessern konnten.

So haben sich zunächst in China und später auch in Japan und Korea verschiedene Richtungen entwickelt, die sich in „harte” und „sanfte” Künste einteilen lassen:

„hart”

  • Karate (jp. 空手, dt. „leere Hand“)
  • Wing Chun (cn. 詠春 / 咏春)
  • Kung Fu (cn. 少林功夫)

„sanft”

  • Qigong (cn. 氣功 / 气功)
  • Tai-Chi (cn. 太極拳 / 太极拳)
  • Aikidō (jp. 合気道 / 合氣道)
  • Judo (jp. 柔道, dt. „sanfter/flexibler Weg“)
  • Jiu Jitsu (jp. 柔術)

Die „harten” Künste – auch als „äußere” Künste oder Kampfsportarten bezeichnet – bedienen sich der strukturell/muskulären Kräfte, die mit Armen und Beinen in Form von Hebeln, Schlägen und Tritten anzubringen sind und setzen diese zum Angriff und zur Verteidigung ein.

Die „sanften” Künste – auch als „innere” Künste bezeichnet – kultivieren die eigene, innere Energie – das Qì (cn. 氣 / 气) bzw. Ki (jp. き / 気) – und setzen dies nur im Notfall zur Selbstverteidigung ein.

Zur Verfeinerung der feinstoffliche Lebenskraft werden seit Jahrhunderten Atem- und Bewegungstechniken praktiziert.

Interessanterweise heißt Qì auch „Luft” und Qigong wird daher auch mit „Atem- und Dehnungsübungen” übersetzt. Genau wie im Yoga, wo diese Übungen als Prāṇāyāma (sk. प्राणायाम) und die Energie als Prāṇa (sk. प्राण) bezeichnet wird. Unterschiedliche Bezeichnungen, die dasselbe meinen.

Ein Budōka (jp. 武道家) lernt nicht nur, sich mit Händen, Füßen und ggf. mit Waffen zu verteidigen, sondern durch mentales Training Körper und Geist in einer Einheit zu fokussieren und sich unbeeindruckt von äußeren Einflüssen auf das wesentliche zu konzentrieren.

Was sagte noch Patañjali (sk. पतञ्जलि)?

Yoga ist das zur Ruhe bringen der Bewegungen im Geist
Yoga Sutra Vers 1.2, yogaś-citta-vṛtti-nirodhaḥ

Dennoch fällt es manchen YogiNis schwer, den Zusammenhang zum friedlichen Yoga zu erkennen. Vielleicht werden die Kampfkünste immer noch mit martialischen Schreien und einem Fäuste-Feuerwerk à la Bruce Lee assoziiert.

Doch auch die Kampfkünste haben sich mit der Zeit verändert: Von den Kampftechniken – die für den Kampf trainiert und eingesetzt wurden – zu den Methoden der Selbstverwirklichung und -kontrolle (Disziplin).

Das spiegelt sich auch in den Bezeichnung bzw. Namen wieder: So wurde beispielsweise die Schwertkunst bis ins 19. Jahrhundert als Kenjutsu bezeichnet. „Ken” (jp. 剣) ist das Schwert und „jutsu” (jp. 術) die Kunst bzw. Technik. Kenjutsu lernten die Samurai (jp. 侍) um das Land zu verteidigen. Später wurde aus der potenziell tödlichen Technik eine Methode der Charakterbildung. Das „jutsu” wurde durch „dō” (jp. 道) ersetzt. „Dō” heißt „Weg” und steht für die „innere” Lehre bzw. Philosophie.

Irimi und tenkan

Äußere und innere Künste können auch durch die Art charakterisiert werden, wie sie Angriffen begegnen: „irimi” (jp. 入り身) und „tenkan” (jp. 転換).
Irimi / Krieger I

„Irimi” basiert auf dem Prinzip der Konfrontation. Hier wird ein Angriff geblockt und gekontert – durch einen Gegenangriff. Schlag auf Schlag. Ein lineares Prinzip, wie üblich bei den „äußeren” Künsten.

Das „irimi”-Prinzip der linearen Bewegung finden wir im Yoga beispielsweise beim Krieger I, einer frontalen Kampfstellung.

Auch wenn der Krieger I im Yoga statisch und friedlich ist, bleibt er doch eine potenzielle Angriffshaltung.

Er heißt nicht ohne Grund „Krieger”! Im Sonnengruß sind ausschließlich lineare Asanas miteinander kombiniert – wir bleiben immer in der frontalen Ausrichtung.

Krieger I (sk. Vīrabhadra Āsana I)

Yin und Yang

Dagegen sind „tenkan”-Bewegungen eher kreisförmig oder spiralförmig. Angriffe werden nicht geblockt, sondern „aufgenommen”. Die Zentren der beiden Kontrahenten verschmelzen für einen Moment und driften dann auseinander – wobei der Angreifer ins Leere geführt wird. Die Angriffsenergie wird durch das Qi des Verteidigers umgeleitet.

Der Angreifer wird mit seiner eigenen Angriffsenergie konfrontiert. Ein sanfter Umgang mit einer Attacke; bezeichnend für die „inneren” Künste und typisch für Aikidō.

Tenkan wird deutlich in seitlichen Stellungen bzw. Bewegungen um eine „offene” Seite (wie beim seitlichen Winkel). Der Krieger II ist so eine Haltung, ebenso wie andere Asanas mit einer Krieger II-Basis.

Krieger II (sk. Vīrabhadra Āsana II)

Yin und Yang

Im Grunde können wir Irimi mit „yang” und tenkan mit „yin” vergleichen.

Yang – eine aktive Form – trainiert Kraft und Stabilität mit äußerer Energie auf Basis der Extremitäten, großer Hebel und langer Muskeln.

Yin – eine passive, defensive Form – trainiert Beweglichkeit und Elastizität mit Energie aus dem Inneren. Kurze Wege, nahe am Zentrum (dantian, cn. 丹田; hara, jp. 腹).
Free your mind
Die Bewegungsabläufe, die Du vom Budokon (Ursprung: Karate, Taekwondo, Jiu-jitsu), YogicArts (Ursprung: Kuk Sool Won) und YogaKido (Ursprung: Aikido) kennst und sicher auch schon in einem Vinyasa oder Music-Flow gemacht hast, sind – vermutlich ohne dass es Dir bewusst war – von den Kampfkünsten inspiriert. Kampfkunst ist nicht zwingend martialisch. Im Idealfall führt eine Konfrontation nicht zum Kampf, sondern zu einem Kompromiss – einer friedlichen Lösung. Ganz wie im Yoga.
Die YogiNis haben in der Vergangenheit sicher auch viel von den perfektionierten Bewegungsabläufen in den Kampfkünsten abgeschaut und gerade im Vinyasa Yoga können wir weiterhin dazu lernen, um geschmeidige Übergänge zwischen den Asanas zu entwickeln.

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