Lungenfunktion und die yogische Vollatmung

Was passiert, wenn wir die yogische Vollatmung praktizieren und welche Wirkung hat das auf unseren Organismus? Dazu machen wir eine kleine Reise in die Physiologie der Lunge.

Lungenvolumen und Vitalkapazität

Das Lungenvolumen ist die maximale Menge an Luft, mit der eine Lunge gefüllt sein kann. Dieses Volumen beträgt bei einem jungen Erwachsenen durchschnittlich 6 Liter; dies ist aber eher ein theoretischer Wert.
Bei normaler Atmung beträgt das Volumen pro Atemzug (Atemzugvolumen) nur etwa 0,5 Liter. Die restlichen 5,5 Liter sind Reserve- bzw. Restvolumina. Damit die Lunge nicht kollabiert, verbleibt immer ein Rest von etwa 1 Liter in der Lunge – das sogenannte Rest- bzw. Residualvolumen. Die anderen 4,5 Liter teilen sich in ca. 3 Liter inspiratorisches (Einatmung), und 1,5 Liter exspiratorisches (Ausatmung) Reservevolumen auf. Diese beiden Reservevolumina ergeben zusammen mit dem Atemzugvolumen die Vitalkapazität von etwa 5 Liter; das maximale, willentlich nutzbare Volumen.
Lungenvolumen
Wenn wir bei einem Atemzug mehr als die üblichen 0,5 Liter einatmen, nutzen wir einen Teil des inspiratorischen Reservevolumens. Atmen wir tiefer als gewöhnlich aus, so komprimieren wir die Lunge mehr und atmen verbrauchte Luft des exspiratorischen Reservevolumens aus, die sonst in der Lunge verbleiben würde. In der Folge ist die Volumendifferenz zur nächsten tiefen Einatmung größer und das Atemzugvolumen steigt.
Mit willentlich maximaler Ausatmung und anschließender maximalen Einatmung können wir ein Atemzugvolumen nahe an der Vitalkapazität – also die größtmögliche Ventilation – erzielen.

Yogische Vollatmung

Diesen Zusammenhang machen wir uns bei der yogischen Vollatmung zunutze. Im Normalfall atmen wir relativ flach, unter Beteiligung des Zwerchfells, aber nur mit geringer Ausdehnung im Bauchraum. So kommen wir auf die ca. 0,5 Liter Atemzugvolumen.

Bei der yogischen Vollatmung intensivieren wir die Spannung im Zwerchfell und lassen die Bauchmuskeln locker, damit sich der Bauchraum ausdehnen („Bauchatmung”) und der Brustraum mitsamt der Lunge erweitern kann. Zusätzlich aktivieren wir die Atemhilfsmuskulatur, insbesondere die Zwischenrippenmuskeln, um den Brustkorb nach hinten und zur Seite zu erweitern („Brust- oder Flankenatmung”) sowie den Kopfwender (Musculus sternocleidomastoideus) um den Brustkorb anzuheben („Schlüsselbeinatmung”). Auf diese Weise können wir einen großen Teil des inspiratorischen Reservevolumens nutzen. Bei der Ausatmung aktivieren wir die Bauchmuskulatur, um das Zwerchfell mehr in den Brustraum zurückzuschieben und so die Lunge mehr zu komprimieren – das exspiratorische Reservevolumen.

Merke:
Durch die yogische Vollatmung erhöhen wir unser Atemzugvolumen, nicht unser Lungenvolumen! Auch durch Training wird das Lungenvolumen kaum vergrössert, wohl aber die Vitalkapazität besser genutzt.

Sauerstoffsättigung

Mit einem höheren Atemzugvolumen bekommen wir mehr Luft und damit mehr Sauerstoff in die Lungen. Das bedeutet allerdings nicht zwangsläufig, dass wir auch mehr Sauerstoff aufnehmen. Da spielen noch andere Faktoren eine Rolle. Oft ist die Sauerstoffsättigung schon bei normaler Atmung nahe an der Sättigungsgrenze, sodass kein weiterer Sauerstoff aufgenommen werden kann.

Trotzdem hat die tiefe Atmung einen positiven Effekt, denn bei gleichem Sauerstoffverbrauch führt ein höheres Atemzugvolumen zu einer geringeren Atemfrequenz. Das Atemminutenvolumen, die Menge Luft also, die wir pro Minute einatmen, ist abhängig von Atemzugvolumen und Atemfrequenz. 0,5 Liter pro Atemzug ergibt bei 12 Atemzügen 6 Liter Atemminutenvolumen. Bei einem tiefen Atemzug mit einem Volumen von 1 Liter würden aber schon 6 Atemzüge reichen, um das gleiche Atemminutenvolumen zu erzielen.

Merke:
Die Sauerstoffsättigung steigt nicht zwingend mit der tiefen Atmung, wohl sinkt aber die Atemfrequenz.
Da Atemfrequenz und vegetatives Nervensystem miteinander gekoppelt sind, führt eine ruhigere Atmung zur Aktivierung des Parasympathikus und damit zu Beruhigung und Entspannung.
Natürlich ist es nicht einfach, permanent in der Vollatmung zu bleiben. Das ist auch nicht notwendig. Mit der Kenntnis der Zusammenhänge kann man aber öfters daran denken, sich im Alltag aufrecht hinzusetzen, dem Atemraum Platz zu geben und tief zu atmen.

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