Flow-Erleben in der Yogapraxis

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Das Flow-Gefühl als psychologisches Phänomen

Im Flow zu sein bezeichnet ein Hochgefühl völliger Einheit von Sein und Tun. Es ist ein psychologisches Phänomen, das sich nicht nur im Sport, sondern auch im Beruf, in Kunst und Musik einstellen kann. Als Kind haben wir das Gefühl völliger Selbstvergessenheit und Zeitlosigkeit beim Spielen erlebt. Auch die Asanapraxis kann uns diesen Zustand ermöglichen, in dem wir all unsere Sorgen vergessen und frei von Ablenkung sind.
Im Flow sind wir von der Beanspruchung des Tuns und Erlebens vollkommen hingerissen und gelangt in einen Tätigkeitsrausch. Beim Schwimmen wird dieser Zustand als „total immersion” bezeichnet – dem Verschmelzen mit der Umgebung, also dem Wasser – dem eins werden mit der Aufgabe. Das wesentliche Kriterium für ein Flow-Gefühl, ist die Übereinstimmung von Anforderung und Fähigkeiten. Wenn sich diese auf hohem Niveau die Waage halten, nennt man das den „Expertise-Effekt”. Dieser vermittelt ein Gefühl, die jeweilige Situation mit Leichtigkeit im Griff zu haben.
Eins werden mit der Aufgabe kann nur, wer weder über- noch unterfordert ist. Überforderung führt zu Angst, Unterforderung zu Langeweile.

Ayrton Senna, dreifacher Formel 1-Weltmeister, ist 1988 im Qualifying noch weitere Runden gefahren, obwohl er schon die Pole Position hatte. Er war knapp zwei Sekunden schneller als alle anderen, die nur noch staunend an der Strecke standen und sich über die Zeiten wunderten. Senna war im Flow. Er selbst sagte danach, dass er sich wie in einem Tunnel gefühlt hat und nicht mehr bewusst gefahren ist, sondern vom Instinkt geführt wurde.

Das Flow-Erleben führt zu einem moderaten Anstieg des Cortisolspiegels. Dies steigert die Konzentration auf das Wesentliche und das subjektive Kontrollerleben. Die erhöhte Wahrnehmung von Details verändert das Zeitempfinden und vermittelt ein Gefühl als würde das Geschehen in Zeitlupe ablaufen.

Im Rennsport – ob nun mit dem Rad, Motorrad oder Auto – erfolgt das Feedback sofort. Trifft man in der Kurvenfahrt den Scheitelpunkt einer Kurve nicht optimal, so geht einem entweder die Straße aus oder man verliert an Geschwindigkeit. Bleibt man dagegen auf der Ideallinie, so erfährt man unmittelbar, dass diese Linie mehrere Kurven fließend miteinander verbindet und der Wechsel von Beschleunigung und Verzögerung minimal ausfällt.

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Der Flow-Begriff im Yoga

Im Yoga wird eine Abfolge von Asanas als Vinyasa oder auch als Flow bezeichnet. Wahrscheinlich, weil die fließenden Übergänge zwischen den Asanas mitunter zu einem Flow-Gefühl führen können. Für den technisch sauberen Aufbau einer Yogastunde kennen wir die Anweisungen des Vinyasa Krama. Der aus dem Ashtanga Yoga stammende Sonnengruß ist sicherlich die bekannteste Sequenz, die auf dieser Grundlage aufgebaut ist.
Dennoch ist selbst ein nach allen Regeln der Kunst konzipiertes Vinyasa keine Garantie für ein Flow-Gefühl, das sich eben nicht automatisch einstellt.
Inzwischen ist das Flow-Phänomen aber genauer untersucht und es lassen sich einige Aspekte identifizieren, die ein Flow-Gefühl begünstigen können. Im Vordergrund steht dabei die Balance von Anforderung und Fähigkeiten.

Anforderung: Schwierigkeitsgrad von Asanas

Die Anforderung – also der Schwierigkeitsgrad einer Asana – sollte so gewählt werden, dass er mit den Fähigkeiten der YogaschülerInnen übereinstimmt. Es ist ein schmaler Grat, denn um den Geist zu zügeln bedarf es einer gewissen körperlichen Herausforderung.

Besonders in gemischten Klassen – wie bei einer Level 1-2 oder gar Level 1-3 Ausschreibung – sind immer einige TeilnehmerInnen über- oder unterfordert. Hier kann die Ansage von Varianten helfen, ein individuell passendes Asana-Angebot zu machen. Das erfordert aber von den TeilnehmerInnen eine entsprechende Selbsteinschätzung und Disziplin, bei der für sie angemessenen Variante zu bleiben und sich nicht genötigt zu fühlen, eine schwierigere Form zu üben.

Nicht die Überforderung der Sinne, sondern die Fokussierung auf eine Sache ist das Ziel.

Fähigkeiten: Atemtakt im Flow

Ein guter Gradmesser für die Übereinstimmung von Anforderung und Fähigkeiten ist der Atem. Kommt der Atem aus dem Takt, ist die Asana zu schwer oder der Takt zu schnell.

Führt ein/e LehrerIn eine Klasse mit einem vorgegebenen Atemtempo, indem Ein- und Ausatmung ansagt oder gezählt werden, so gibt er/sie zwar einen gleichmäßigen Takt vor, setzt damit aber diejenigen unter Druck, die langsamer oder schneller atmen. Das führt letztlich zu Stress und ist einem Flowgefühl abträglich.
Alternativ können Atmung und Takt in einer ersten, einleitenden Runde vorgegeben, die SchülerInnen dann aber in weiteren Runden ohne Ansage ihrem eigenen Rhythmus überlassen werden. Häufig wird das so realisiert, dass eine Asana wie der herabschauende Hund als „Ruhe-Asana” gewählt wird, in der sich die Gruppe nach jeder Runde wieder sammeln kann.
Damit sich die SchülerInnen vom Wettbewerbsgedanken befreien können, sollten LehrerInnen vermitteln, dass die individuellen Tempi ganz normal und kein Qualitätskriterium sind.

Es ist schließlich nicht so, dass der/die letzte im Hund (HSH) einen Eintrag ins Klassenbuch bekommt!

Feel the flow

Das Wiedererleben des Flow-Gefühls im Yoga ist eine never-ending-story. Da sich Kraft, Beweglichkeit und Motorik mit regelmäßiger Praxis verbessern, verschiebt sich das Verhältnis von Anforderung und Fähigkeiten. Folglich werden die Asanas immer schwieriger gewählt, damit der/die Yogi/ni sich nicht langweilt.
Schon in der Kampfkunst habe ich allerdings gelernt, dass sich die immanente Komplexität selbst vermeintlich leichter Übungen wie bei Tai Sabaki (eine 180 Grad-Drehung) erst mit der Zeit zeigt. Es ist als würde die Übung immer nur so viel von Ihrer Komplexität preisgeben, wie der/die Übende gerade vertragen kann.

Wenn sich Körpergefühl und Wahrnehmung verfeinern, kannst Du auch oder gerade als Fortgeschrittener dem „einfachen” herabschauenden Hund immer wieder neue Aspekte abgewinnen und in der aufmerksamen Beobachtung der Feinheiten in ein Flow-Gefühl kommen.

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